Freitag, 24. Februar 2017

[ #Montafon ] Download: Die Via Valtellina - Ein historischer Alpenübergang als Weitwanderweg

Was verbindet das Montafon, Davos, das Engadin, das Puschlav und das Veltlin?

Die Via Valtellina verläuft von Tirano, der Hauptstadt des norditalienischen Veltlins, durch das Val Poschiavo (Buschlav) über den Berninapass in Richtung Davos und dann weiter über das Schlappiner Joch ins Montafon, wo Schruns als Umschlagplatz gewissermaßen die Funktion des Zielortes der Via Valtellina einnimmt. Die Route spielte bis in die Zeit nach der Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle im grenzüberschreitenden Handelsverkehr. Alte Wegverläufe und daran befindliche Reste früherer Gaststätten erinnern an die einst stark begangenen Pfade.


Beziehungen gab es vermutlich schon in vorgeschichtlicher Zeit über die Pässe hinweg. Im 13. und 14. Jahrhundert siedeln Walser in Davos, Klosters, Schlappin und im Montafon. Sie treffen auf eine romanisch sprechende Bevölkerung, wie Flurnamen zeigen. 1496 wird das Prättigau österreichisch, 1649 kauft es sich los. Die Engadiner am Transitweg vom Maloja- zum Reschenpass pflegen intensiven Kontakt zum Süden und zum Tirol. Ihre direkten Nachbarn jenseits des Berninapasses, die Puschlaver, haben seit je enge Beziehungen zum Veltlin. Die wichtigste Gemeinsamkeit in dieser langen Zeit ist neben der Landwirtschaft der Handel.
Vorarlberger-Bloghaus-Service. Dies ist nur der Hinweis auf einen Beitrag eines hier verlinkten Weblogs, einer Website oder eines Downloads. Mehr erfährt man, wenn man den untenstehenden Links folgt! Nütze auch den Link „[Google Search] ⇒ “. Er liefert allenfalls einen aktuelleren Link im Falle einer Verwaisung und/oder auch zusätzliche oder aktuellere Infos!
[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

[ #Vorarlberg ] Fledermäuse und deren Vorkommen in Vorarlberg

Online-Materialien zu Fledermäusen und Vorkommen in Vorarlberg.

Die frühesten Berichte über Vorarlberger Fledermäuse stammen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Mönch aus Einsiedeln und Botaniker Thomas Aquinas Bruhin zählte Fundorte für drei Arten (Kleine Hufeisennase, Großes Mausohr, Braunes Langohr) auf und vermutete das Vorkommen von zwei weiteren Arten (Alpen- und Wasserfledermaus). Für unmittelbar angrenzendes Schweizer Gebiet nannte er die Zwerg- und die Breitflügelfledermaus.

DALLA TORRE, der immer zu Vorarlbergs Flora und Fauna zitiert werden muss ergänzte 1888 die Vorarlberger Liste um Mops-, Kleine Bart- und Wasserfledermaus, die alle im Bodenseegebiet gefunden worden waren und bestätigte das häufige Vorkommen der Zwergfledermaus auch in Vorarlberg.

Kleine Hufeisennase, Großes Mausohr und Braunes Langohr. Als die drei am weitesten verbreiteten Arten gelten die Kleine Hufeisennase, das Großes Mausohr und das Braune Langohr. Die Propstei St. Gerold beherbergt die größte Kolonie "Kleiner Hufeisennasen" in Vorarlberg, eine Fledermausart, deren Bestand europaweit von großem Interesse ist. Gelegentlich finden dorthin (Biosphärenpark Großes Walsertal) auch Führungen statt. Sämtliche in Vorarlberg vorkommenden Fledermäuse gehören zu den besonders geschützten Tierarten.

Höhlen und Dachböden. Für Vorarlberg wurden angeblich bislang 18 Fledermausarten, davon 16 als aktuell vorkommend, festgestellt. Die Bechsteinfledermaus liegt nur als holozänes Höhlenmaterial vor, die Alpenfledermaus, von BRUHIN (1868) für Damüls angegeben, konnte wie die gesamte ostalpine Population im 20. Jahrhundert nicht mehr gefunden werden und muß daher als in Vorarlberg ausgestorben gelten.

Fliegendes Nagetier. Fledermäuse sind sensible Tiere, die empfindlich auf Lebensraumveränderungen und Umwelteinflüsse reagieren. Sie benötigen verschiedene Teillebensräume. Höhlen haben dabei einen sehr wichtigen Stellenwert.

In einigen ausgewählten Vorarlberger Höhlen konnten im Zuge eines Monitoringprogrammes, insgesamt sechs verschiedene Fledermausarten festgestellt werden. Unter anderem auch die Kleine Hufeisennase, die wegen des starken Populationsrückgangs seit den 60er und 70er Jahren einen besonderen Schutzstatus genießt. Die Fledermausvorkommen in den untersuchten Höhlen gelten allerdings auch als besonders erfreulich, da nennenswerte Vorkommen in dieser Arten in unseren Regionen zur Seltenheit gehören. Deshalb muss dem Schutz dieser Vorkommen ein besonderer Augenmerk gelten.

Die Fledermäuse gehören zu den ältesten und am leichtesten erkennbaren Säugetierordnungen. Die Fähigkeiten zu fliegen und sich mit ihrem ausgeklügelten Echoortungssystem in der Dunkelheit zu orientieren sind die Grundlage für ihren großen enwicklungsgeschichtlichen Erfolg. Mit mehr als 1100 lebenden Arten stellen sie etwa ein Viertel der heute lebenden Säugetierarten und sind nach den Nagetieren die artenreichste Säugetiergruppe. Ihr Verbreitungsgebiet ist enorm groß - Fledermäuse gibt es außer in der Arktis und Antarktis und einigen wenigen ozeanischen Inseln auf allen Kontinenten. Die meisten Arten leben in den Tropen, in höheren Breiten nimmt die Artenzahl rasch ab. Aber auch in gemäßigtem Klima können Fledermäuse gut überleben, sie müssen hier den nahrungsarmen Winter entweder durch Wegziehen in wärmere Regionen oder im energiesparenden Winterschlaf überstehen.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

[ #Hohenems ] Digitalisat: "Das Jahr 1809 und die Juden" von Aron Tänzer

Von dem in Hohenems zwischen 1896 und 1905 tätigen berühmten Rabbiner Dr. Aron Tänzer ist 1904 in Wien ein Sonderdruck aus dem Kalender f. Israeliten f. d. Jahr 5665 (1904/05) erschienen, in dem sich Aron Tänzer mit den Juden während der Erhebung von 1809 in Tirol und Vorarlberg auseinandersetzt. 




Das Erschreckende: Die jüdische Bevölkerung in Innsbruck war zu dieser Zeit recht klein. Dennoch war dies damals eine Gelegenheit sich an den Juden zu vergreifen und ihr Eigentum zu plündern.  Aron Tänzer erwähnt in diesem Zusammenhang die Zerstörung fünf jüdischer Wohnungen und dreier Geschäfte, und er führt diese Ausschreitungen auf religiösen Fanatismus zurück. In Vorarlberg kam es zwar zu keinen derartigen Ausschreitungen, doch wurden der Hohenemser Judengemeinde erhebliche Geldbeträge von den späterhin als Vorarlberger Freiheitskämpfer gefeierten Anton Schneider und Co abgepresst. 



Aron Tänzer, geboren 1871 in Pressburg, studierte als Absolvent der berühmten Pressburger Jeschiwa in Berlin und Bern Philosophie, Germanistik und semitische Philologie. Gemeinsam mit seiner jungen Ehefrau Rosa zog Dr. Tänzer nach Hohenems, wo er 1896 die vakante Rabbinerstelle antrat. Das Schaffen von Ordnung, das Sammeln und die Weitergabe von Wissen prägten das Leben und Wirken Tänzers. In Hohenems fanden diese Eigenschaften besonders ihren Ausdruck in seinem Werk "Die Geschichte der Juden in Hohenems und im übrigen Vorarlberg" und in der Schaffung einer Archivordnung. Tänzers handschriftliches Archiv-Register, das im Jüdischen Museum Hohenems bewahrt und gezeigt wird, ist die Grundlage des heutigen Hohenemser Stadtarchivs. 


[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

[ #Montafon ] Das Montafon als Mutationswerkstätte der Natur

"Eine solche Mutationswerkstätte der Natur für die Gerste ist das hinterste Montavonertal, namentlich die Gegend um Gaschurn und Parthenen am hintersten Talausgang, wo die zahlreichen Alpenübergänge beginnen."

Getreideanbau. Die Tatsachen, dass mit Grundnahrungsmitteln spekuliert wird, dass immer mehr Fläche für den Anbau von Pflanzen zur Energiegewinnung verwendet wird und die dadurch entstandene enorme Preiserhöhung, haben unter anderem dazu geführt, dass sich Menschen in vielen Regionen der Erde nicht mehr durch den eigenen Anbau ernähren können. Unter den Produkten des Pflanzenbaues ist das Getreide deshalb am wichtigsten, weil mit einem Minimum an Produktionsaufwand ein Höchstmaß an Nährstoffleistung erzielt werden kann.

Gerste. Im alpinen Raum ist Gerste ein häufiges Anbauprodukt gewesen: Die Gerste hat zwar keine geringeren Wärmeansprüche als beispielweise der Roggen, sie steigt jedoch bis in den höchsten Anbaulagen, weil sie die Wachstumszeit verkürzen kann durch den starken Blühimpuls der dazu führt, dass die Blüte bereits während des Ährenschiebens stattfindet. Das wichtigste während der Bronze- und Eisenzeit hier angebaute Getreide war eben die Gerste. Archäologische Funde in Graubünden erlaubten es die Gerste auch als mehrzeilige Spelzgerste zu identifizieren.

Die Gerste ist 17 000 Jahre alt und damit das älteste Getreide der Menschheit. Gerste ist aber nicht nur alt, sie hatte auch stets einen ausgezeichneten Ruf: Im kaiserlichen China zählte sie zu den fünf heiligsten Pflanzen, im antiken Griechenland war sie der Erdgöttin geweiht, und der griechische Philosoph Platon malte sich für seinen idealen Staat Menschen aus, die sich hauptsächlich von Gerste ernähren sollten.

Gerste galt schon im Altertum als Kraftnahrung. Den römischen Gladiatoren wurde sie gekocht vorgesetzt. Tatsächlich bietet Gerste eine solche Vielzahl von Mineralstoffen und Vitaminen wie kaum ein anderes Getreide und enthält reichlich Kieselsäure.

Gerste
  • Kennzeichen: Strohgelbes, rundliches Korn, die rauhen Spelzen sind mit Fruchtsamenschale verwachsen. Nach der Form der Ähre unterscheidet man eine zwei-, vier- und sechszeilige Gerste.
  • Anbau: Gerste ist anspruchslos und gedeiht daher in allen Erdteilen.
  • Arten: Nach der Verwendung: Braugerste, Schälgerste (Speisegerste), Futtergerste. Auch bei Gerste produziert Österreich in guten Erntejahren mehr als im Inland verbraucht wird. Gerste wird zum Teil exportiert.
Montafoner Gerste. Die "Montavoner Gerste" wird als extrem kurzährige Form beschrieben. Paläobotanischen Untersuchungen der letzten Jahre bezeugen nicht nur eine extensiv betriebene Viehwirtschaft im Montafon, sondern auch bereits für das 9. und 10. Jahrhundert den Anbau von Weizen, Hirse, Gerste und Roggen. Die Bestellung der Äcker, die sich aufgrund der topographischen Gegebenheiten vielfach an den Hängen, auch in sehr steilen Lagen, befanden, erfolgte fast durchwegs im arbeitsintensiven Hackbau. Die sechszeilige Gerste konnte hier nur deshalb lange erhalten, weil die Bauern alle 5 bis 6 Jahre eine Ährenauslese vornehmen, damit die sechszeilige Form nicht von der vierzeiligen verdrängt wird.

Wie zu Pfahlbauzeiten. Braungart Richard, der Agrarökonom der Monarchie begründet in seinem Standardwerk (Die Urheimat der Landwirtschaft aller indogermanischen Völker. 1912 S. 374) die Notwendigkeit der Auslese durch ständige Mutationen in lockerährigen sechszeiligen und auch in zweizeiligen Formen, er bezeichnete das Montafon (Montavon) dabei als "Mutationswerkstätte der Natur".
"Ich gehe davon aus, dass die gefundenen abweichenden Ährenformen bei der Auslese nicht zu 100% weggelassen wurden und sie sich, weil sie scheinbar konkurrenzfähiger waren, immer mehr Überhand nahmen. Die Bauern bevorzugten die kurze, sechszeilige Form. Dies wird auch deutlich bei seiner Suche nach dem "Pfahlbauweizen", also Anbaugebieten der im Zuge der Entdeckung der Pfahlbauten auch sichergestellten archäologischen Funde:
Von den (sechszeiligen) Pfahlbaugersten hatte ich in der Tat bis weit hinein ins hinterste Montavon sozusagen nichts gesehen. Als ich aber nach dem Dorfe Gurtepohl, die Flur von Gaschurn (etwa 950 bis 1100 m Seehöhe) erreicht hatte, sah ich zu meinem nicht geringen Erstaunen ganz grosse Feldstücke in fast völlig reinem Bestande mit der langen sechszeiligen Pfahlbaugerste (Hord. hexast. densum) besetzt, die eine geradezu staunenswert schöne Entwicklung hatte.
Das Dorf Gaschurn und - wie ich bald auch sah - ebenso das hinterste und höchste Montavoner Dorf Parthenen (etwa 1050 m ü. M.) bauen auf Hunderten von herrlich bestellten Feldern, welche an den Hängen wie zur Pfahlbauzeit nur mit Karst oder Haue bearbeitet werden, die lange Sechszeilgerste, teils
ganz oder fast ganz rein, teils mehr oder minder stark mit Hord. dist. erectum, auch H. dist. nutans und Hord. vulg. gemengt, wobei es aber nur selten der Fall ist, dass die letzteren im Gemenge herrschend werden. … "

Braungart (1912, S. 374): Das Montafon als Mutationswerkstätte:  „Eine solche Mutationswerkstätte der Natur für die Gerste ist das hinterste Montavonertal (Vorarlberg), namentlich die Gegend um Gaschurn und Parthenen am hintersten Talausgang, wo die zahlreichen Alpenübergänge beginnen. Da findet man die dichtährige Sechszeilgerste noch in Hunderten von Feldern bis hoch hinauf angebaut; die Bauern können aber diese für sie wertvollste Art (Brotfrucht) nur dadurch erhalten, dass sie alle 5 bis 6 Jahre die besten sechszeiligen Ähren heraussuchen und davon den Samen nehmen. Im ersten und zweiten Jahre merkt man wenig vom Ausspringen, da ist alles oder fast alles noch herrliche Sechszeilgerste. Aber vereinzelt schon im zweiten, dann im dritten, sehr stark schon im vierten, fünften und im sechsten Jahre nach der ersten Saat, welche auf die Auslese folgte, finden sich in der im Erntegemenge mehr und mehr zurücktretenden Sechszeilgerste, in Menge eingemengt, die sogenannte Imperialgerste (Hordeum distichon erectum); reichlich, wenn auch minder massenhaft, auch die gemeine oder sogenannte sechszeilige, etwas minder reichlich auch die zweizeilige, lange nickende Gerste; in späteren Jahren mehren sich die gemeine oder vierzeilige, die Zweizeil- und die Imperialgerste; so zeigt sich dieser Bildwechsel überall, und man kann keinen Augenblick mehr im Zweifel sein, dass die gemeine Gerste (Hord. vulgare), die zweizeilige kompakte (sogenannte Imperialgerste), und die zweizeilige, lange, nickende Gerste, Mutanten der dichtährigen Sechszeilgerste sind. Man sehe das Bild der Grundform (Hordeum hexastichon densum a) und der drei Mutanten (Hordeum vulgare c, Hordeum distichon erectum b und Hordeum distichon nutans d), welche ich aus diesen Gerstenfeldern von Garschun-Parthenen im hintersten Montavonertal mitgenommen habe.“

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

Donnerstag, 23. Februar 2017

[ #Feldkirch ] Feldkircher Stadtrecht: Bordell in Feldkirch

Blütenlese zu einer Sittengeschichte Vorarlbergs im vorindustriellen Zeitalter.

Wussten Sie, dass das Feldkircher Stadtrecht des 14. Jahrhunderts bereits ein Bordell kannte, in der Feldkircher Mühle (heute E-Werk), weshalb das Stadtrecht die Frauen dort auch "mülitöchter" oder "mülimaitlen" nennt.

Kultur-, Alltags- und Sozialgeschichte. Als im 19. Jahrhundert "Sittengeschichte" zu einem Thema historischen Forschens wurde, subsumierte man darunter alles das, was wir heute als Kultur-, Alltags- und Sozialgeschichte bezeichnen würden. Später, an der Wende zum 20. Jahrhundert, erhielt der Begriff eine stark erotische Konnotation. In den letzten Jahren ist mit seiner Verwendung im Rahmen der Analyse politischer Systeme und ihres moralischen Zustands ein neuerlicher Bedeutungswandel eingetreten. Im Rahmen dieses Vortrags werden nun – um dem Reihentitel "Verbotene Liebe" gerecht zu werden – die Spannungsfelder zwischen Geschlechterbeziehungen und Normenkanon in den Mittelpunkt gerückt.

eSource. Verba volant Nr. 74 (26.05.2010) - Onlinebeiträge des Vorarlberger Landesarchivs - Blütenlese zu einer Sittengeschichte Vorarlbergs im vorindustriellen Zeitalter - Vortrag von Alois Niederstätter in der Reihe "Verbotene Liebe" des Vorarlberger Landesarchivs am 26. Mai 2010 in Bregenz (Landesarchivs). Siehe Download unten.

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

[ #Hohenems ] Die letzte Jüdin in Hohenems: Frau Frieda Nagelberg (1889-1942)

Wie sehr die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 auf die unmenschliche "Endlösung der Judenfrage" zielt, wird mit diesem Tag auch in Vorarlberg deutlich. 

An diesem Tag stirbt im KZ Rosen Markus Silberstein, ein Fotograf, der bereits im November 1939 aus "rassischen Gründen" von Hohenems der GESTAPO in Innsbruck überstellt und von dort ins KZ Sachsenhausen gebracht worden war.

Bis zur Wannseekonferenz von 1942 waren schon alle jüdischen Mitbürger Vorarlbergs, welche nicht als Mischlinge oder in Mischehen lebten, aus Vorarlberg verschwunden. Geflohen, verhaftet, deportiert, aus Verzweiflung aus dem Leben geschieden oder durch NS-Gewalt verstorben.


Nur eine einzige jüdische Frau, eine Büglerin lebte noch im Versorgungsheim in Hohenems. Dies verdankte sie bis dahin auch nur der Bürokratie. Sie war zu den Siebentage-Adventisten übergetreten und die jüdische Gemeinde fühlte sich nicht mehr zuständig, weil sie keine Glaubensjüdin war. Doch für den Hohenemser Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Josef Wolfgang blieb sie eine Jüdin und war ihm ihre Anwesenheit ein Dorn im Auge. Er intervenierte mehrmals bei übergeordneten Stellen und forderte ihre Umsiedlung. Schließlich war er sogar bereit, dafür in die eigene Tasche zu greifen:
"Wie bereits berichtet, lege ich größten Wert darauf, daß auch diese letzte Jüdin das Land Vorarlberg verläßt und wenn ihre Übersiedlung nach Wien an der Tragung der Fahrtkosten scheitern sollte, wäre ich bereit, dieselben zu übernehmen"
Christian Michelides,
Stolperstein für Frieda Nagelberg 2,
CC BY-SA 4.0
Und wirklich, vier Tage nach der Wannseekonferenz (freilich nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dieser),  am 25.2.1942 ergriffen auch Frieda Nagelberg (1889-1942) die nationalsozialistischen Häscher. Ihr letztes "Lebenszeichen" stammt vom 9. April 1942. Sie wird an diesem Tag in das  "Durchgangslager" Izbica in Polen, unweit vom Vernichtungslager Majdanek/Lublin deportiert  (vgl. Harald Walser: "Antisemitismus in Vorarlberg" in Gedenkdienst Nr. 1/02).



 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

Mittwoch, 22. Februar 2017

[ #Feldkirch ] Erdbeben: Als Feldkirch Himmel und Erden erzürnte

Rheintal 2006: Erdbebenübun
Die stete Bedrohung durch elementare Naturgewalten wie Lawinen, Muren und Überschwemmungen hat seit jeher das Leben im alpinen Raum geprägt. Freilich wurden als Schuldige auch häufig Sündenböcke ausgemacht. Schuldzuweisung an andere, vor allem an Außenseiter der Gesellschaft wie Juden, als Hexen diffamierte und verfolgte Frauen. Die Vorarlberger Hexengeschichte ist reich an Beispielen, wie die Vorarlberger Historiker Tiefenthaler und Tschaikner zeigen.

Himmel und Erden erzürnt: Vorarlberger Naturkatastrophen. Die stete Bedrohung durch elementare Naturgewalten wie Lawinen, Muren und Überschwemmungen hat seit jeher das Leben im alpinen Raum geprägt. Der Respekt vor der Macht der Natur und die vielfältigen Bemühungen, sich davor zu schützen – durch technische Vorrichtungen ebenso wie durch Beschwörungen, Gebete, Wallfahrten, Mythen und Sagen und der Suche nach Schuldigen für die Erzürnung Gottes.

Denn immer war es bis zur Aufklärung im Glauben der Menschen der Wille Gottes, zumindest Prüfung, häufig auch Strafe:
„Gott der Allmächtige hat am zweyten, dritten und vierten Tag Februar 1689 einen so großen Schnee fallen lassen, dass in unserem Tal Muntafon viele Menschen und Vieh durch die herabfallende Lawine neben viel Häuser, Ställ, Speicher, Bäume und andere Gemächer zugrund gegangen sind. Auch viele Güter grausam verderbt geworden.“ (Abschrift aus einer Vorarlberger Chronik des Lawinenwinters 1689)
In diesem Lawinenwinter starben in Montafon 120 Menschen. Ins gleiche Horn bläst die Vorarlberger Sage "Die verwüst' Alp" (Richard Beitl, Neue Sagen aus Vorarlberg) und stellt einen Konnex zu den oben geschilderten Marcellusfluten her:
"In dieser Gegend sei es aber nicht immer so unwirtlich gewesen. Einmal sollen dort drei schöne Alpen gewesen sein. Da sei einmal ein Mann gekommen und habe um Almosen gebeten. Zwei Sennen reichten dem Armen eine Gabe, der dritte aber, ein übermütiger Mensch, füllte dem Bettler sein Häfelein mit Kuhmist und tat nur zu oberst ein bißchen Butter drauf. Der Frevler brauchte aber auf die Strafe nicht zu warten. Der Bettler ging in die anderen Hütten und sagte den beiden barmherzigen Sennen, sie sollten fliehen so schnell sie könnten mit dem Vieh und aller Habe, denn die Alpen seien dem Untergang geweiht."
Über ein Erdbeben in Feldkirch wird in der Prugger'schen (Vorarlberg) Chronik (Feldkirch 1685) berichtet:
„Anno 1117 wäre den menschen himmel und erden erzürnet, indem ein solcher ersehröcklicher erdbidem entstanden und die gegend (Feldkirch?) also erschittet, dass vil häuser eingefallen"
Freilich wurden als Schuldige auch häufig Sündenböcke ausgemacht. Schuldzuweisung an andere, vor allem an Außenseiter der Gesellschaft wie Juden, als Hexen diffamierte und verfolgte Frauen. Die Vorarlberger Hexengeschichte ist reich an Beispielen, wie die Vorarlberger Historiker Tiefenthaler und Tschaikner zeigen.

Die Katastrophen schlagen sich selbstredend auch in der Kultur nieder. Zuletzt haben wir ja noch die Verfilmung des Lawinenwinters 1954 in Blons (Der Atem des Himmels) durch Reinhold Bilgeri in Erinnerung. Auch in Franz Michael Felders Sonderlingen spielt ein Lawinenunglück ein wichtige Rolle. Freilich hatte der aufgeklärte Vorarlberger "Bauernschriftsteller", der sich dem klerikalen Ultramontanismus widersetzte, gegen Unglücke eine verstandesgemäße Lösung. Er organisierte Brand- und Viehversicherungen und Genossenschaften.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

[ #Hohenems ] Wolf Dietrich von Raitenau [Celsissimus. Salzburger Roman (1900)

Wolf Dietrich von Raitenau
[Free e Book] Der Stoff aus dem Romane sind: Am 2. März 1587 wurde der "Vorarlberger"- geboren auf Schloß Hofen in Lochau - Wolf Dietrich von Raitenau neuer Erzbischof von Salzburg. 

Seine Lebensgefährtin Salome Alt schenkte ihm fünfzehn Kinder. Sein Vetter Markus Sittikus von Hohenems sperrt ihn auf der Festung Hohensalzburg ein. Arthur Achleitners historischer Romamn "Celsissimus. Salzburger Roman" (1900) steht als free eBook online.
"Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt. Der geneigte Leser wolle nicht an Bischöfe und Priester unserer Zeit denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfürsten des 16. Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhältnisse der damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch für die Erwählung eines Kirchenfürsten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und einträglichen Würden der Kirche, er allein war stiftsfähig und bestrebt, solche Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen.
In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die Restaurationsbewegung, von diesem Fürsten erwartete man Ausrottung des Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Cölibates, Anforderungen, die über eines selbst genialen Mannes Kräfte gehen mußten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in römischen Palästen der Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben. 
Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft sühnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schöne Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepräge gegeben, bestehen wird."
München, im Herbst 1900.
Celsissimus. " ... Und in solchem Machtgefühle, hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich, genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen Salzburgs den Titel “celsissimus” (der “erhabenste”) beilegte.
Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig hin; aber in München ärgerte man sich über den "celsissimus", man verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die Liga. ..."

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

[ #Vorarlberg ] Kleine Warenkunde zum "Sura Kees" (Vorarlberger Sauerkäse)

Sura Kees (zu deutsch: Sauermilchkäse) wird auf den Alpen Vorarlbergs - so zumindest der nicht ganz ungewöhnliche Glaube der Landwirtschaft - seit Beginn der Nutzung der Bergweiden hergestellt.  Im Montafon kann die Erzeugung von Käse schon 1240 belegt werden.

Eine Website präsentiert Informationen über das regionale Erbe unserer Lebensmittelkultur - viele traditionelle Lebensmittelspezialitäten haben eine große wirtschaftliche Bedeutung und tragen wesentlich zur Stärkung der kulturellen Identität einer Region bei.

Kulinarisches Erbe. Auf Initiative des Lebensministeriums wurde in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich ein Register der traditionellen Österreichischen Spezialitäten erstellt. Traditionsreiche Produkte und Spezialitäten aus Österreich sollen so bekannter und deren besonderer Wert bewusster gemacht werden. Aus der Region Vorarlberg sind derzeit acht Produkte indexiert: Fraxner Kirsch / Fraxner Kriasiwasser, Subirer, Großwalsertaler Bergkäse, Jagdberger Heumilchkäse, Vorarlberger Alpkäse, Vorarlberger Bergkäse, der Ländle Apfel und der Montafoner Sura Kees. Dieser ist sicherlich mehr als nur eine Marketingbezeichnung sondern tatsächlich ein traditionelles regionales Produkt ohne welches Käsknöpfle niemals wie Käsknöpfle schmecken.

Sura Kees. Sura Kees (zu deutsch: Sauermilchkäse) wird auf den Alpen Vorarlbergs - so zumindest der nicht ganz ungewöhnliche Glaube der Landwirtschaft - seit Beginn der Nutzung der Bergweiden hergestellt. In Vorarlberg werden heute jährlich rund 2,5 Millionen kg Milch zu rund 250.000 kg Sura Kees verarbeitet. Für die Herstellung eines Laibes Sura Kees benötigt man je nach Eiweißgehalt zwischen 10 und 12 Liter Milch. Auf den zwölf Sennalpen im Montafon produzieren rund 800 Kühe die Milch für den Montafoner Sura Kees. Zusätzlich werden auf diesen Sennalpen 30.000 kg Sauerrahmbutter für den Eigengebrauch hergestellt.

Historische Belege. Jedenfalls kann im Montafon die Erzeugung von Käse bis in das Jahr 1240 zurückverfolgt werden; aus diesem Zeitraum stammt die erste urkundliche Nennung des Namens Montafon ("Jacobus, der Priester von Satteins und sein Bruder Rudophus zinsen jährlich zehn Käse (üblichen) Wertes...." aus dem "Necrologium Curiense" des Churer Domkapitels, um 1240). Mit sehr großer Sicherheit wurde aber schon lange vorher in Vorarlberg Käse hergestellt, denn die Kelten, sie gelten als die Pioniere der Käserei im Alpenraum, besiedelten Vorarlberg bereits vor Christi Geburt. Das beweisen Funde von Gebrauchsgegenständen der Kelten nicht nur in den Tälern, sondern auch auf Alpen und Bergpässen Vorarlbergs.

Alp-Sennerei. Wurde in späterer Folge die Sura Kees-Erzeugung auch durch den aufkommenden Labkäse auf die Seite gedrängt, ist das Wissen um das SauerKäsen bis heute erhalten geblieben. Dies verdanken wir den Alpen im südlichen Teil Vorarlbergs, auf denen noch heute Sura Kees produziert wird, und aufgeschlossenen milchverarbeitenden Talbetrieben, die sich der traditionellen Sura Kees-Erzeugung angenommen haben.


 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒ 

[ #Braz ] Der weltberühmte Exorzist aus Vorarlberg: Johann Joseph Gaßner

Johann Joseph Gaßner (auch: Gassner; * 20. August 1727 in Braz bei Bludenz in Vorarlberg; † 4. April 1779 in Bendorf, Rheinland-Pfalz) war ein katholischer Pfarrer, der am 20. August 1727 in Braz zur Welt kam.

 Gaßner studierte in Innsbruck und Prag und wurde 1750 in Chur zum Priester geweiht. In Dalaas war er ab 1751 Frühmeßner und 1758 Pfarrer in Klösterle. Bis er zum Exorzisten wurde, sollte noch einige Zeit vergehen. Man mag ihn und seine Techniken heute belächeln, trotzdem gehört er zu den bedeutendsten Vorarlbergern. sogar den Papst in Rom beschäftigte er und er gehört zu den Vorläufern der hypnotischen Behandlungen in der Psychotherapie.

Selbstversuch. Ein Selbstversuch brachte ihn darauf. Heute werden die Auseinandersetzungen mit und um Gaßner zur Frühgeschichte der Hypnose und Psychotherapie gezählt. Johann Joseph Gaßner erkrankte um 1760 heftig an Kopfschmerzen mit Übelkeit und Schwindelgefühlen. Diese Symptome traten hauptsächlich während seiner priesterlichen Obliegenheiten auf. Er trieb sich selbst den Teufel aus, befahl dem Teufel ihm wieder Kopfschmerzen zuzufügen, bekam sie und trieb sie wieder aus.

In der Folge dehnte er diese "Techniken" gegen seine Migräneanfälle auch auf seine Pfarrkinder aus und begab sich auf Wanderschaft. In einem von ihm verfassten Lehrbuch beschreibt er verschiedene Formen der Besessenheit und deren Heilung durch hypnotische Techniken (die er freilich als eine besondere Form des Exorzismus beschrieb). So versuchte er zunächst durch Provokation den Beweis der Besessenheit zu führen. War dieser erbracht, so ließ er zunächst Krämpfe in verschiedene Glieder fahren und die Teufel im Menschen dort verschiedene Gefühle und Verhaltensweisen ausüben. Anschließend befahl er durch die somit erhaltene Macht über diese Teufel, deren verschwinden. Die von Gaßner geschilderten Symptome der Besessenheit würden heute wohl eher dem Formenkreis der Dissoziativen Störung zugeschrieben werden.

Bayern. 1774 ließ er sich in Meersburg nieder, bis ihn der Fürstprobst zu Ellwangen und Bischof von Regensburg einlud, in Ellwangen im Allgäu seine Exorzitien fortzusetzen. Bald kamen bis zu 1500 Kranke und Schaulustige täglich, bis April 1775 sollen es über 20.000 gewesen sein. So entstand allerdings auch ein Treiben, welches den meisten aufgeklärten kirchlichen und vor allem auch den weltlichen Würdenträger bald zu bunt wurde.

Komödienstadel. Aus einem Bericht (zit. Rheticusgesellschaft, Drei Wunderheiler aus dem Vorarlberger Oberland, 1986) geht folgende Darstellung hervor: "Die seltsamen Gebärden, Zuckungen, Stellungen usw., welche die Patienten machten, die Blähungen, die nicht ohne Geräusch abgingen, die Liedlein, die sie sangen oder trallerten, gefielen dem Wunderthäter und dem Haufen der Zuschauer so herzlich, erschütterten oft so angenehm ihr Zwerchfell, dass er sie mehrmals wiederholen, vermehren, abändern und noch lächerlicher werden ließ (...) Die Kapelle, wo sie meistens vorgenommen wurden, wurde oft so sehr vom lauten, schallenden Gelächter erfüllt, daß man sie eher für ein Komödienhaus oder für die Bude eines Zahnbrechers hätte halten sollen, wo einem die lustigst Farce vorgestellt würde".

Schwabenstreiche. Solche lächerlichen Zurschaustellungen waren für viele kirchliche Würdenträger alles andere denn ein gesittetes Exorzieren und manche Aufklärer des schwäbisch - bayerischen Raumes schämten sich ganz einfach für ihre Landsleute zu Tode. Der Herausgeber der Deutschen Chronik (1774) schreibt in voller Verzweiflung: "Der Pfarrer zu Klösterle Gaßner fährt fort, den dummen Schwabenpöbel zu blenden. (...) Und da giebts noch tausend Menschen um mich her, die diesen Narrheiten glauben. Heiliger Sokrates, erbarme dich meiner! Wann hören wir doch einmal auf, Schwabenstreiche zu machen"

Unbefugte Unternehmungen. Im Auftrag des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph und der neugegründeten Bayerischen Akademie der Wissenschaften wurde gar der Magnetiseur Franz Anton Mesmer (er stammte eigentlich aus Konstanz) von Paris nach München gerufen, um in der Causa Gaßner zu urteilen. Dies geschah 1775, vermutlich nach einer Bodenseereise. Diese gutachterliche Tätigkeit Mesmers war anscheinend ausschlaggebend, dass dem Pater Gaßner schließlich weitere öffentliche Auftritte verboten wurden. Dabei war Messmers Wunderheil-Methode nicht weniger umstritten, der Magnetismus passte aber besser als Gaßners modernisierter Hexenwahn in das aufgeklärt-naturwissenschaftliche Zeitalter. Wenn Messner auch in Paris eine Modeerscheinung war, eine von Ludwig den XVI. eingesetzte Untersuchungskommission lies Mesmers Versuch, den animalischen Magnetismus wissenschaftlich anzuerkennen scheitern. Aber sowohl Mesmers "Magnetismus" als auch Gaßners "Exorzismus" werden heute als hypnotische Phänomene begriffen – und waren die Grundlagen für ein schnelles Aufblühen der Hypnose in der Medizin.

Man sollte nicht vergessen, es war die Zeit der Aufklärung und selbst der Salzburger Erzbischof Colloredos wandte sich 1776 eigens in einem Hirtenbrief gegen die "Unternehmungen" des Johann Joseph Gaßner: "Gegen die unbefugten Unternehmungen gewisser Exorcisten." Als Joseph II. ein generelles Verbot des Exorzismus für das gesamte Heilige Römische Reich Deutscher Nation erließ, wurde Gaßner in das kleine Pondorf an der Donau "verbannt", wo er 1778 starb. Heute werden die Auseinandersetzungen mit und um Gaßner zur Frühgeschichte der Hypnose und Psychotherapie gezählt.

Besessenheit. Nach Johann Joseph Gaßner (Nützlicher Unterricht wider den Teufel zu streiten. Kempten, 1774; S. 20.) : "Gleichwie der Satan alle Menschen an der Seele pflegt anzufechten, also kan er auch alle Menschen ohn Unterschied des Geschlechts oder Stands anfechten am Leib, durch Nachahmung der natürlichen Krankheiten. Daher kommt es, daß so viele Menschen unheylbare Krankheiten haben, obwohl sie alle mögliche natürliche Hülfsmittel von denen Arzneyverständigen gebraucht, weil nemlich sehr oft die Krankheit entweder nicht natürlich, oder weil bey dem Natürlichen etwas Unnatürliches sich vereiniget findet. Dessentwegen will ich aber nicht verstanden werden, als wann es keine natürlichen Krankheiten geben sollte, sondern nur andeuten, daß sehr oft Unnatürliche vom bösen Geist gemacht werden, durch eine pure lauter Versuchung, welche man natürlich zu seyn vermeinet, und zwar auf dreyerley Weise, erstlich Physice , oder durch würkliche Schmerzen, auf eine dem Teufel bekannte Weise, applicando activa passivis . Zweytens imaginative durch eingebildeten Schmerzen, da der böse Feind in der Phantasie oder Einbildungskraft, als wie bei einem traumenden Schmerzen vorstellen kann, als wenn sie würklich wären, da sie in der That keine sind. Drittens per naturam, oder daß er natürliche Feuchtigkeiten, Flüß, Geblüt und andere Sachen also weißt, Vermög seines beybehaltenen Verstands, von einem Ort zum anderen zu führen, wodurch das Uebel zugleich natürlich, aber auf und von unnatürlicher Kraft ist verursacht worden."

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

[ #Hohenems ] Der Hohenemser Rabbiner Dr. Aron Tänzer: 1175 Seiten Dokumente der Sammlung Aron (Arnold) Tänzer online


Von dem in Hohenems zwischen 1896 und 1905 tätigen berühmten Rabbiner Dr. Aron Tänzer sind im Internet Archive (San Francisco) 1175 Seiten Dokumente (digitalisierte Microfiches) online!

Besonders interessant seine Studien zum Stammbaum von Albert Einstein (der am 14. März 1879 in Ulm geboren wurde) aus den Jahren von vor 1930!

Aron Tänzer. Ende Februar 1937 - die Nazis waren schon vier Jahre an der Macht, stirbt in Göppingen Aron Tänzer, lange Jahre Rabbiner der Stadt. Lediglich zwei Christen wagen es, an der Bestattung teilzunehmen, wiewohl er für die Volksbildung in seiner "Heimatstadt", wie er sie patriotisch nannte, soviel getan hatte. Die Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger wirkt nach jahrelanger Hetze auch über den Tod hinaus. Gerade Tänzer litt schwer unter den Diffamierungen, hatte er doch 1924 aus nationaler Gesinnung seinen Vornamen Aron in Arnold geändert.

Tänzer wird am 20. Januar 1871 in eine alte Pressburger Rabbinerfamilie hineingeboren. In Pressburg besucht er auch die Rabbinatsschule, ehe er von 1892 an in Berlin Geschichte, Germanistik und Semitische Philologie studiert. Nach seiner Promotion im Jahr 1895 an der Universität Bern wird er Rabbiner in Hohenems und in Meran.

Militärdienst. Vom 1. September 1907 an ist er Rabbiner in Göppingen. Dort versteht er sich bis zur Machtübernahme der Nazis als zuhause. Mit der Übernahme dieser Stelle ist obligatorisch die württembergische Staatsangehörigkeit verbunden. Tänzer versteht sich als deutscher Patriot und meldet sich ohne Zögern  bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger. Er wirkt  als Feldrabbiner an der Ostfront, ein Einsatz, für den er eine Reihe hoher Auszeichnungen erhält.

Göppingen. Nach Kriegsende kehrt er als Rabbiner auf seine Dienststelle nach Göppingen zurück. Über die Konfessionsgrenzen hinweg engagiert er sich als Lokalhistoriker, Literat und in der Volksbildung seiner "Heimatstadt". Doch die zunehmende Ausgrenzung der Juden ab 1933 desillusioniert den national gesinnten Rabbiner – in seiner selbst entworfenen Grabinschrift kehrt er zum hebräischen Vornamen Aron zurück. Während seinen sechs Kindern die Flucht gelingt, wird seine zweite Frau Berta Tänzer 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie im September 1943 umkommt.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]
Ein Blick auf den Inhalt - Die Dokumente sind in der Regel in deutscher Sprache: