Mittwoch, 24. Januar 2018

[ #Vorarlberg ] Fremd im eigenen Lande: Der Schübling aus Vorarlberg

Schübling - Knacker - Cervalat
Schübling bezeichnet eine Vorarlberger Wurstspezialität ist aber auch ein Bestandteil österreichisch/deutscher Amtssprache.

Schübling bezeichnet eine Vorarlberger Wurstspezialität ist aber auch ein Bestandteil österreichisch/deutscher Amtssprache. Einer der wohl interessantesten "Schüblinge" dürfte aber der 75jährige Josef Weibel aus "Vorderösterreich" - wozu Vorarlberg zeitweise gehörte - gewesen sein, den man österreichisch hin und her verschob.

Schübling oder Knacker, Metzger oder Fleischhauer.
Was bei den meisten Österreichern gemeinhin als Knacker oder Knackwurst bekannt und beliebt ist, heißt in Vorarlberg Schübling. Die Knacker verdanken ihre Sachbezeichnung dem Umstand, dass sie beim Biss ein leicht knackendes Geräusch hören lassen. Dies setzt ein richtiges zerkleinertes und emulgiertes Brät (nach den Regeln der Handwerkskunst zugleich fest wie auch etwas flaumig, also ohne Kutterfehler und mit teilweiser Emulgierung) und die richtige Räucher- und Brühtechnologie voraus.

Die Vorarlberger Wurstsorte ist allerdings etwas gröber, ohne Zusatz von Kartoffelstärke und nur (als Rote oder St. Galler) größer als der Knacker. Aber auch der ganz herkömmliche Schübling braucht einen Pass. Der Bregenzer schiebt sich einen "Schübling" aus dem Metzgerladen "z’Nüne" (zur 9-Uhr-Jause) zwischen die Zähne. Der die gleichen Eßgelüste verspürende Ostösterreicher zieht hingegen der "Knacker" vom Fleischhauer die Wursthaut ab. Aber nicht nur in der "Verzehrweise" und der "Amtsbezeichnung" gibt es Unterschiede: Beim Schübling handelt es sich laut Lebensmittel-Kodex um eine so genannte "Brätwurst" der Klasse 2 (dazu gehören auch Weißwürste, Knacker oder Leberkäse).

Im Gegensatz zu anderen Ländern darf in Vorarlberg dem Schübling keine Kartoffelstärke zugesetzt werden, dafür kann der Bindegewebsanteil höher sein. Erlaubte Bestandteile sind im Ländle lediglich: Rind- oder Schweinefleisch, Wasser, Salz, Speck und Schwarten bzw. Salzstoß (auch „Knochenputz“ genannt, das sind aus Sehnen, Fett und Fleisch bestehende Kleinstabschnitte der Skelettmuskulatur). Schüblinge weisen durchgehend einen relativ hohen Energie- und Salzgehalt auf und sind so nicht gerade als Diätnahrung tauglich.

Hin und her. Dass jedoch "Schübling" für das Jahr 1999 zum österreichischen Unwort des Jahres gekürt wurde, hat nichts mit "alemannischen" Metzgereiprodukten zu tun. Das ist in der unmenschlichen Amtssprache ein Mensch der abgeschoben wird. Diese Abschiebepraxis war schon zur Monarchiezeit eine höchst unmenschliche und betraf damals auch die Staatsbürger innerhalb der Monarchie, die in ihre Heimatgemeinden abgeschoben wurden. Freilich waren die 'Schüblinge' auch einfallsreich. So schildert das im Böhlau-Verlag erschienene Buch (Grenze und Staat. Paßwesen, Staatsbürgerschaft, Heimatrecht und Fremdengesetzgebung in der österreichischen Monarchie 1750 - 1867. Wien u.a., Böhlau, 2000) die Abschiebegeschichte des Josef Weibel aus den Vorlanden, der 1822 75-jährig innerösterreichisch und ergebnislos ständig zwischen den Vorderösterreich und Perchtoldsdorf hin- und hergeschoben wurde.

Vorderösterreich.
Das Vorderösterreich oder die "Vorlande" ist ein Sammelname für die Stammlande der Habsburger in Schwaben, die nach der Verlagerung ihres Schwerpunktes nach Österreich in vieler Hinsicht zu einem Anhängsel wurde. Scherzhaft sprach man von der "Schwanzfeder des Kaiseradlers". Jahrhundertelang wurden diese Gebiete als Vorlande von Innsbruck/Tirol aus regiert. 1753 wurden die Habsburger Territorien als eigene Provinz "Vorderösterreich" zusammengefaßt; Zentrum war Freiburg. - 1805 kam Vorderösterreich an das neu gebildete Großherzogtum Baden und an das Königreich Württemberg. Vorübergehend (1752-82) gehörte auch Vorarlberg zu Vorderösterreich.

Unwort: Der Schübling. Am 1. Mai 1999 stirbt der nigerianische Schubhäftling Marcus Omofuma während seiner Abschiebung aus Österreich auf dem Flug nach Sofia. Begleitet wird er von drei Polizisten der österreichischen Fremdenpolizei. Das Verfahren, das daraufhin eingeleitet wird, ist vor allem eines: geprägt von Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen mit offenem und verdecktem Rassismus. In der Folge wird von Marcus Omofuma aus Polizeikreisen von dem "Schübling" gesprochen. Diese für eine absolut entlarvende Ausdrucksweise stehende Bezeichnung vgl. auch Pflegling, Häftling, ...) Schübling führte zur Wahl des Unwortes "Schübling". Die Jury begründet: Die Wahl von "Schübling" zum "österreichischen Unwort des Jahres 1999" fiel uns als Jury leicht - es war das mit Abstand am meisten Genannte.

Daneben gibt es starke Gründe, die mit der Bedeutung des Wortes zusammenhängen: Das aus der Verwaltungs- und Polizeisprache stammende Wort ist gleichbedeutend mit "Schubhäftling", drückt aber eine viel stärkere Entpersonalisierung, Verdinglichung und Verniedlichung der so bezeichneten Person aus, die damit auch als passiv und behandelbar dargestellt wird. Auch schwingt eine negative Zusatzbedeutung mit (siehe Rohling, Widerling, Lüstling, etc.), obwohl nicht alle so gebildeten Wörter eine negative Zusatzbedeutung haben (Firmling, Liebling usw.). In jedem Fall wird der so bezeichnete "Gegenstand" verkleinert, niedlicher, "netter" gemacht. Wesentlich ist, daß durch die mitausgedrückte Entpersönlichung, der so bezeichnete "Schubhäftling" zu einem "Ding", zu einer "zu behandelbaren Sache" gemacht wird. Daß damit eine zwangsweise aus dem Land entfernte Person bezeichnet wurde, geht durch den verhüllenden Charakter des Wortes völlig verloren. Das Wort bezeichnet in Westösterreich auch eine Art "Knackwurst". Das ist in Ostösterreich zwar so gut wie unbekannt und hat bei seiner Verwendung als Bezeichnung von Schubhäftlingen auch keine Rolle gespielt, doch wird dadurch die negative Bedeutung des Wortes zusätzlich verstärkt. Konkurrenz hatte das "Unwort des Jahres 1999" von "Gutmensch" und "Überfremdung" - beides Wörter, die ebenfalls aus dem Bereich der Ausländerthematik kommen.

Schübling oder Döner.
Der Schübling, ein Würstelstandklassiker (ursprünglich im heißen Wasser erwärmt, heute fast nur noch in seiner Langform als "St.Galler Schübling" oder "Rote" gegrillt) wird in Vorarlberg mehr und mehr vom Döner-Kebap-Stand verdrängt. Nicht weil deren Verkaufspolitik aggressiv wäre, sondern weil sich auch der sparsame den Schwaben verwandte Vorarlberger heute um das selbe Geld gerne etwas mehr gönnt: Döner-Kebap. Ulrich Gabriel (Rufname: Gaul) hat auf seiner Website ein liebes Gedicht (Döner Rap) mit dem Schlusssatz "Schübling out" vertont.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

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