Montag, 13. September 2021

[ #Großes Walsertal ] Seelenkonskription: Walser Wehrbauern aus Damüls wehruntauglich

Schlacht bei Frastanz 1499

Eine kleine Kultur- und Bildgeschichte der Hausnummern liefert einen historisierenden und fotografischen Blick auf ein scheinbares Alltagsobjekt, das jedoch bei seiner Einführung so heftig umstritten war wie heute die digitale Erfassung der Bürger und veranlasst auch einen Blick auf Vorarlberg zu werfen.

Vorarlberg. In Vorarlberg wurde wie in Tirol und dem restlichen Vorderösterreich die Hausnummerierung 1767 durch Maria Theresia angeordnet und 1785 auch eingeführt. Ziel war auch hier die Konskription von Soldaten. Lange Zeit gelang es nämlich den Ständen, sich mit Geld der Stellung von Rekruten zu entziehen, bis Maria Theresia 1771 mit der so genannten "Konskription" die Anwerbung durch eine Aushebung ergänzen ließ. Jeder Wehrbezirk musste eine Anzahl wehrfähiger junge Männer stellen. Dazu wurden alle Männer zwischen 21 und 40 Jahren erfasst. Damit war mit der Seelenkonskription auch die Grundlage für die Hausnummerierung getan.

Walser Wehrbauern. Die Bregenzerwälder wehrten sich gegen die Seelenkonskription und Aushebung ihrer Bauernsöhne für den Kriegsdienst schon damals, eine Haltung die sich bis zu Jodok Fink herauf durchzieht. Die Gerichte nützten die Aushebungen wohl auch, um Arme und vermeintliche Taugenichtse zu "entsorgen", die Gemeindekasse also zu schonen.

Raffiniert und erfolgreich wehrten sich die Damülser. Das Vogteiamt Feldkirch bescheinigte nach der Musterung, dass "wegen der bergigen Lage und mehr als anderswo beschwerlichen Feldarbeit die Bewohner des Gerichtes Damüls (Anm. Walser) entweders die Leute durchaus zu klein oder kurzhalsig oder beschädigt an den Beinen seien, mithin zur Rekrutierung diensttaugliche Leute ein für alle mal nicht aufgebracht werden könnten". Die seinerzeit -  Grundlage dieser Walserkolonie bildet ein Vertrag für die "Allb Tamuls"aus den Jahren 1313/1326 - als Wehrbauern eingewanderten Walser beanspruchten also Degenerationserscheinungen für sich. Heute werben sie für ihre Gemeinde als "Mischung aus Kraft und Berglandschaft"!

Freilich lastete auf den "freien Walsern" eine schicksalshafte Erfahrung. Am 20. April 1499 fand die blutigste Schlacht in der Geschichte Vorarlbergs im Rahmen des Schwabenkrieges statt: Die Schlacht bei Frastanz. Hier kämpften die Schweizer gegen das kaiserliche Heer der Habsburger. Die freien Walser waren der habsburgischen Obrigkeit kriegspflichtig. 56 freie Walser wurden an einem Tag erschlagen oder ertranken in der Ill.

Dieser Schicksalsschlag veranlasste zumindest die Walser von Sonntag und zu Raggal schon 1508 ihre Freiheit wieder aufzugeben. Sie mussten fortan nicht mehr in den Krieg ziehen, waren aber wieder Leibeigene.

Seelenkonskription.  An manchen Gebäuden im seinerzeitigen Habsburgermonarchie sind heute noch Überreste vergangener Hausnummerierungen sichtbar, sie legen Zeugnis ab von den Mühen, die die Einführung und Wartung eines numerischen Adressierungssystems mit sich brachten. Die in dieser Online-Galerie versammelten Aufnahmen zeigen solche Überreste, ihr geographischer Schwerpunkt liegt auf Städten und Dörfern, die einst zum Herrschaftsbereich der Habsburgermonarchie gehörten. Dort wurde die Hausnummerierung in Zusammenhang mit der "Seelenkonskription" eingeführt, einer nicht zuletzt aus militärischen Gründen durchgeführten Volkszählung; die damals vergebenen Hausnummern wurden "Konskriptionsnummern" genannt. Seitenblicke sowohl in thematischer wie in geographischer Hinsicht sind gewollt. Ziel der Galerie ist es, die Historizität von Ordnung sinnlich erfahrbar zu machen; sie ist Nebenprodukt einer am Institut für Geschichte der Universität Wien fertiggestellten und von Univ. Prof. Dr. Edith Saurer und Univ. Prof. Dr. Karl Vocelka betreuten Dissertation mit dem Titel "Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen - Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie".


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