Montag, 25. Januar 2016

[ #Vorarlberg ] Vorarlberger Backsteinarchitektur

Die Vorarlberger Backsteinarchitektur zum Ende des 19. Jahrhunderts und Beginn des 20. jahrhunderts ist eng mit der Vorarlberger Wirtschaftsgeschichte, insbesondere mit der Vorarlberger Textilindustrie verbunden verbunden. In Vorarlberg gab es aufgrund der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch noch im 20. Jahrhundert zahlreiche Ziegeleien, wo in Ringöfen die Ziegel gebrannt wurden.

Mit Backsteinarchitketur ist aber nicht die herkömmliche Ziegelbauweise zu verstehen sondern die Verwendung der unverputzten Backsteine als architektonisches Instrument. Besonders ins Auge fallen Industriebauten und Villen. Die Architektur streitet sich dabei mit den gleichzeitig um diese Zeit wirkenden Baustile des Jugendstiles und des süddeutschen Heimat(schutz)stiles. Bei den Industriebauten scheinen auch die Verbindungen und Vorbilder der englischen Textilwirtschaft mitgespielt zu haben.

Bludenz - Klarenbrunn. In Bludenz steht die denkmalgeschützte Spinnerei Klarenbrunn: es handelt sich um einen typischen Industriesichtziegelbau mit nach englischen Vorbildern gestalteter Fassade. Der Werkhallentrakt wurde von John Felber aus Manchester erbaut, ausgeführt wurden die Arbeiten von den Baufirmen Ritter und Ignaz Wolf . Die Gebäude weisen bastionenartige Vorbauten auf, innen wurden Eisenkonstruktion ausgeführt.

Der 110 m lange und 26 m breite langgestreckte Baukörper des zweigeschossigen Fabriksgebäudes der Spinnerei Klarenbrunn in Bludenz stellt mit seinen nach englischen Vorbildern in Sichtziegelmauerwerk gestalteten Fassaden eine besondere und einmalige Form der Vorarlberger Industriebauweise am Übergang vom Geschoßbau zum Flachbau dar.

Zusammen mit den Betriebseinrichtungen von Werkskanal, Wassertube und Dampfkrafthaus sowie der vier Wohneinheiten für Direktor- und Arbeiterwohnhäusern bildet diese Anlage ein in sich geschlossenes Fabriksensemble, das noch weitgehend original erhalten ist. Die Bauherrschaft Fa. Getzner, Mutter und Cie ließ die Fabrik für 22.000 Spindeln in zweijähriger Bauzeit 1884/86 errichten. Originale Maschinen sind nicht mehr vorhanden, die Fabrik ist jedoch nach wie vor in Betrieb und befindet sich im Eigentum der Gesellschaft Linz Textil.

Frastanz – Sudhaus der Brauerei. Um 1900 existierten in vielen Vorarlberger Orten Kleinbrauereien. Aus wirtschaftlichen Gründen schlossen sich Gastwirte aus Vorarlberg und Liechtenstein zu einer Brauereigenossenschaft zusammen. Als Standort der Genossenschaftsbrauerei wählte man wegen der günstigen Verkehrsbedingungen die Nähe des Bahnhofes von Frastanz.

Das auffälligste Gebäude der Brauereianlage von 1902 stellt das Sudhaus dar, das vom Feldkircher Baumeister Christian Zangerle besonders repräsentativ gestaltet worden ist. Bereits seit 1903 steht der alte Trakt des Firmengebäudes unter Denkmalschutz. Die Pläne für das stattliche Gebäude lieferte der Ulmer Ingenieur Hägele.

Der Backsteinbau hat Sprossenfenster mit Rundbogenabschluss. Der im Sudhaus befindliche große kupferne Sudkessel dominiert das Gebäudeinnere. Das Sudhaus der Brauerei Frastanz ist das besterhaltene Beispiel einer Brauerei der Jahrhundertwende in Vorarlberg, welches mit seiner zweifärbigen Sichtziegelfassade einen interessanten Typus eines Industriebaues dieser Zeit darstellt.

Dornbirn Rüschwerke - Kunstraum. 1893 entstand auf dem Firmenareal der “Rüschwerke” die aus Backstein errichtete große Montagehalle. Sie diente „zur Montierung größerer Maschinen“, nachdem die Rüschwerke sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auf den Turbinenbau spezialisiert hatten und die Dimension der Turbinen-Laufräder und Anlagen immer größer wurde.

In der Monarchie war die Maschinenfabrik und Eisengießerei Rüsch bekannt für die Konstruktion und Herstellung von Wasserkraftanlagen, später wurden Werkzeugmaschinen und Gussteile produziert. In der Zeit des nationalsozialismus wurden dort Guß- und Maschinenteile für die deutschen Junkerswerke, MAN und für die Marinewerft in Wilhelmshafen mit Zwangsarbeitern produziert.

Im Sommer 2003 wurde das Areal zur neuen Heimat der Vorarlberger Naturschau "Inatura". In einem Gemeinschaftsprojekt mit der Stadt Dornbirn und dem Land Vorarlberg wurden die historisch wertvollen architektonischen Details gekonnt in das Ausstellungs- und Einrichtungskonzept der Naturschau eingebunden. In der erwähnten Montagehalle befindet sich das Ausstellungsprojekt Kunstraum Dornbirn. Die Qualität der Architektur in ihrem ursprünglichen und rohen Zustand übt einen besonderen Reiz aus.

Herz-Jesu-Kirche Bregenz. Wohl auch zur selben Zeit wie die hier erwähnten Backsteinbauten errichtet, fällt die Architektur der römisch-katholischen Pfarrkirche zum Heiligsten Herzen Jesu aus der Vorarlberger Backsteintypologie. Während die Industriebauten einem funktionalistischen modernen Konzept folgen, ist diese Kirche im neugotischen Stil errichtet. Im 19. Jahrhundert erlebte die Rezeption der Backsteingotik durch die Neugotik nach den 1860er Jahren eine neue Blüte. Wichtiger Architekt dieser Stilrichtung waren eben Karl Friedrich Schinkel. Ein bedeutendes Beispiel neugotischen Bauens im Stil der Backsteingotik ist die von ihm geplante Friedrichswerdersche Kirche in Berlin.

Im Jahre 1902 legte der Stuttgarter Architekt Joseph Cades (1855–1943), der zahlreiche Kirchenbauten im süddeutschen Raum verwirklicht hatte, die Bauplanentwürfe vor. Auf einem kreuzförmigen Grundriss sollte eine dreischiffige Basilika mit zwei 62 m hohen Türmen im neugotischen Stil aus Backstein entstehen, die Doppelturmfassade erinnert an die normannische Baukunst. Kirchenbau und Innenausstattung wurden fast ausschließlich aus Opfern der Bregenzer Bürger finanziert. Das wichtigste Erkennungsmerkmal der Basilika ist der Obergaden, der fast doppelt so hoch wie die Seitenschiffe ist. Von dreiteiligen Fenstern wird durch den Obergaden beiderseits das Mittelschiff belichtet.

Industriellenvillen in Feldkirch und Dornbirn. Am deutlichsten wird die Konkurrenz und Vermengung der eingangs erwähnten Stuilrichtungen bei den villenartigen Backsteinbauten. Besonders deutlich wird dies an den Dornbirner Villen, bei denen der Architekt Josef Anton Albrich eine Rolle spielt. Seine Bauten wechseln und vermengen regelmäßig Elemente des Jungendstiles, des Heimatstiles, der Backsteintechnik, dazu gelegentlich des altdeutschen Stiles oder gar der (Neu-) Renaissance .

Als Backsteinvillen sind besonders die in der Waibelstraße 11 und 12 zu nennen. Erstere unter französischem Einfluss barockisierende Villa wurde 1885 von dem Baumeister Josef Anton Albrich erbaut. Ein zweigeschossiger kubischer Körper wurde mit hellen Backsteineen errichtet. Ein Mansarddach sowie eine seitlichen Terrasse aus Sandstein ergänzen das Erscheinungsbild der Villa. Innen findet man eine atriumartige Gestaltung mit Glasdach. Im Inneren des Gebäudes finden sich Reste von Wandmalerei pompejanischer Art und im ersten Obergeschoss Decken mit Stuckrahmung.

Die Villa (12) ist für einen Sohn des Franz Martin Hämmerle 1873 erbaut und 1893 erweitert worden. Otto Hämmerle studierte in Manchester und Liverpool – daher auch die englische Bauweise in Sichtziegelmauerwerk. Baumeister Josef Anton Albrich und Josef Schöch waren hier planend und ausführend tätig.

An der Hauptdurchzugsstraße in Feldkirch, der Bahnhofstraße, hat sich der Großteil der ehemaligen Fabrikantenvillen erhalten. Besondere Erwähnung verdient die Villa Mutter, eine Backsteinvilla von 1855, die für den Fabrikanten Andreas Mutter erbaut, mit prächtigster Innenausstattung und englischem Landschaftsgarten erbaut wurde.

Backsteingegenwart. Wohl in Anlehnung der Architektur der seinerzeitigen Grund- oder Hauseigentümer hat das Büro Baumschlager & Eberle im Jahre 2004 die Bebauung der ehemaligen Ganahl-Gründe (Villa Menti) an der Reichsstraße mit einem Sichtmauerwerk aus rauem Backstein vorgenommen. Dasselbe Büro hat diese Technik bereits 2003 bei dem Bauprojekt "Der Verwalter" Rosenstrasse, ehemals Hämmerle, in Dornbirn angewandt.

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